Erschienen inAllgemein
12. Januar 2021

Nachhaltigkeit ist unnatürlich

Ob im Bundestag, in Talkshows, auf Recycling-Klopapier oder Bio-Käse, in Broschüren von Umwelt-NGOs oder in der Werbung für Solarstromanbieter: Wenn es um Nachhaltigkeit geht, ist der Begriff „natürlich“ nicht weit.

Das ist nicht verwunderlich: Natürlichkeit kommt ohne aufwändige Nachhaltigkeitsbilanz oder CO2-Messungen aus. Und anders als mit Begriffen wie „Klimagerechtigkeit“ lassen sich damit nicht nur links-intellektuelle Ökos, sondern genauso etwa die christich-konservative Rentnerin ansprechen. Und sogar den rechten besorgten Bürger, der lieber in der guten alten Zeit leben würde, als die Welt noch vermeintlich einfacher, männlicher, nationaler und irgendwie auch natürlicher war.

Der Begriff  der Natürlichkeit scheint wie gemacht für Öko-Marketing, Umwelt-Kampagnen und mehr oder weniger nachhaltigkeitsbezogene Wahlprogramme. In diesem Text möchte ich darstellen, warum er trotzdem in einem aufgeklärten, progressiven Umweltaktivismus keinen Platz haben darf.

Was bedeutet überhaupt „natürlich“?

Im einen Fall wäre das Natürliche der Gegensatz zum Künstlichen. Also das, was nicht vom Menschen gemacht wurde. Nun ist aber auch klar, dass Solarstrom genauso vom Menschen gemacht wird wie Kohlestrom. Und Recycling-Klopapier ist ein ebenso künstliches Produkt wie Klopapier aus Holz.

Und wenn man Natur und Technik gegenüberstellt? Dann muss man zugeben, dass die Siliziumhalbleiter-Platten, die für Photovoltaik verwendet werden, im Vergleich zur archaischen Verbrennung von Braunkohle eher High-Tech sind.

Man kann das Natürliche theoretisch auch als Gegensatz zum Übernatürlichen verwenden. Aber darum geht es im Kontext der Nachhaltigkeit vermutlich auch nicht. Selbst die größte Umweltverschmutzung ist doch klar von dieser Welt und hält sich kommentarlos an die Naturgesetze.

Ein dritter Natürlichkeitsbegriff sieht Natürlichkeit als Gegensatz zum Unnatürlichen oder Widernatürlichen. Und hier wird es spannend. Denn das Unnatürliche oder Widernatürliche wird automatisch fast immer abwertend benutzt und interpretiert. In der Philosophie wird das ein „naturalistischer Fehlschluss“ genannt: Weil etwas (etwa in der Natur) so ist, soll es automatisch gut sein, auch wenn es dafür eigentlich keinen Grund gibt.

So könnte etwa das „Recht des Stärkeren“ als natürlich und damit automatisch als moralisch richtig bezeichnet werden. Einschränkungen dieses Naturrechts, wie etwa Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit oder Gewaltenteilung sind hochgradig widernatürlich, wären demnach also moralisch falsch.

Natürlichkeit als politische Waffe

Auch wenn die Abschaffung von Menschenrechten um der Natürlichkeit Willen, zunächst wie ein an den Haaren herbeigezogenes Extrembeispiel klingt, Natürlichkeit wird schon immer verwendet, um beliebige Unterdrückungsmuster zu legitimieren. Sei es der Kolonialrassismus der letzten Jahrhunderte, der in verschiedenen Formen bis heute andauert. Sei es die Unterdrückung der Frau* überall auf der Welt. Seien es Homo- und Transfeindlichkeit. Der jeweiligen Ideologie zufolge seien Weiße/Männer/Heterosexuelle dem jeweils „anderen“ natürlicherweise überlegen. Folglich sei eine Ungleichverteilung von Gütern, Macht, Privilegien bis hin zu Grundrechten ebenso natürlich und demnach wünschenswert oder mindestens tolerierbar.

Ein Gott wird schon lange nicht mehr gebraucht, es reicht die Behauptung irgendetwas sei „widernatürlich“. Und tatsächlich wiegt dann die Natürlichkeit schwerer als die Menschenrechte. Solche Scheinargumentationen findet man heute vor allem in konservativen bis hin zu rechtsextremen Kreisen.

Aber wenn Umweltverbände Stimmung machen, Gentechnik sei unnatürlich (also schlecht) oder Bio-Käse sei natürlich (also gut), dann ist das die gleiche Methode. Auch hier geht es letztlich nicht um das Wohl der Menschen, nicht um Gerechtigkeit, nicht um Nachhaltigkeit. Dahinter steht das gleiche Weltbild einer natürlichen Ordnung, der wir als Menschen zu folgen haben.

Unnatürlich nachhaltig

Ist globale Gerechtigkeit natürlich? Ist die Klimakrise natürlich? Dem Öko-Progressivismus sollte das egal sein. Denn was am Ende zählt, ist die Welt, wie sie ist. Wie viel CO2 in der Luft ist. Wie der Reichtum auf der Welt verteilt ist. Wo der Meeresspiegel steht. Wie viele Menschen Zugang zu gesundem Essen und medizinischer Versorgung haben. Wie viele Arten noch da sind, um die komplexen Ökosysteme zu stabilisieren.

Wenn wir das Klima schützen, indem wir gentechnisch hergestelltes 30°-Waschmittel benutzen, ist das meinetwegen krass unnatürlich. Wenn wir mithilfe von Impfungen Polioviren fast weltweit ausrotten, dann ist das von mir aus auch nicht natürlich.

Wie auch immer wir Natürlichkeit definieren: Die Nachhaltigkeitsziele selbst sind menschengemacht, sie kommen nicht in der Natur vor, und sie sind auch nicht in irgendeiner vermeintlichen urmenschlichen Natur des Menschen angelegt. Sie widersprechen klar dem naturgegebenen Recht des Stärkeren. Nachhaltigkeit folgt nicht einmal dem Vorbild der Natur. Schauen wir nur einmal auf das Nachhaltigkeitsziel zwei „kein Hunger“. Die Natur ist voll von Hunger und Hungernden. Und dass Populationen über ihre Verhältnisse leben, wobei sie sich selbst ausrotten, ist in der Natur völlig normal.

Wir müssen aufhören, „natürlich“ als softes Synonym für „nachhaltig“ zu verwenden! Denn ernstgemeinte Nachhaltigkeit selbst ist absolut unnatürlich.

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