Ein See, in dem sich Fels und Wald spiegeln.

Die Formen der Energie – Vom Nuklearstrom bis zum Sonnensnack – Ein Reisebericht über die WePlanet Konferenz in Helsinki

ein Reisebericht von Sophia Müllner

WePlanet, eine internationale Organisation, die das Öko-Progressive Netzwerk 2021 mitgegründet hat, lud Ende August zu einer Mitgliederversammlung mit spannendem Programm nach Finnland ein. Dieses umfasste den Besuch des weltweit ersten Nuklearabfall-Endlagers in  Olkiluoto, sowie einen Besuch beim Novel Food-Unternehmen Solar Foods und einer Konferenz zur Zukunft alternativer Nahrungsmittel. Über die verschiedenen Stationen und einige Hintergrundaspekte wird im folgenden Text berichtet.

 

Historie der Ökomodernisten

Vor 10 Jahren nahm die Bewegung des Ökomodernismus ihren Anfang. In Helsinki, Finnland, gründete sich ein Verein: Suomen Ecomodernistit ry:n (dt. Verein Finnischer Ökomodernisten). 

Vor 10 Jahren wurde auch “ein ökomodernes Manifest” verfasst und veröffentlicht. Auf Wikipedia wird die Bewegung wie folgt beschrieben: “Ökomodernismus, auch Ökopragmatismus, ist ein Gedankenkonzept im Bereich des Umweltschutzes, das sich in Opposition zum Mainstream der Umweltbewegung sieht. Kernpunkte des Ökomodernismus sind die „Entkoppelung vom Naturverbrauch“ (Ökologisch-ökonomische Entkopplung)[1] und die generelle Ansicht, dass Industrialisierung, Globalisierung und Modernisierung untrennbar von Klima- und Naturschutz sind.”

Oder kurz in den Worten von ÖkoProg: “Nachhaltigkeit ohne ‘früher war alles besser”. Denn bei ÖkoProg haben wir mit den Ideen des Ökomodernismus große Überlappungen, vielleicht mit einem etwas kritischeren Blick darauf, was Technologie alles leisten kann und einem stärkeren Fokus auf die Lebenswissenschaften. Aber auch wir glauben, im Gegensatz zu vielen klassischen Umwelt-NGOs, dass jede Technologie im Sinne eines effektiven Umwelt- und Klimaschutzes zum Einsatz kommen sollte, die laut Wissenschaft sicher ist und das Potenzial hat, positiv dazu beizutragen. Vier Jahre nach der Veröffentlichung des Ökomodernen Manifests, 2019, wurde der Blog der Progressiven Agrarwende erstmals bespielt und kurz darauf, 2020, der Verein Öko-Progressives Netzwerk e. V. gegründet.

Bereits 2021 schloss ÖkoProg sich mit anderen Ökomodernisten zusammen und wurde Gründungsmitglied von WePlanet (damals noch RePlanet) und damit schließt sich der Historien-Exkurs, denn auch die finnischen Ökomodernisten waren Gründungsorgansation von WePlanet und luden zur Mitgliederversammlung in Helsinki ein, von der  hier berichtet werden soll. 

Was ist eigentlich Suomi?

Hast du schon mal von Suomi gehört? Das ist der finnische Name für Finnland.  Suomi geht vermutlich  auf die Worte „suo“ für Sumpf und „maa“ für Land zurück, also das „Sumpfland“ oder auch “das Land der Seen und Sümpfe”.

Ein See, über dem eine Felskante emporragt, auf welcher Bäume wachsen. Bäume und Felskante spiegeln sich im See.

Der Name Finnland, der mindestens im deutschen, englischen und schwedischen verwendet wird, geht hingegen vermutlich auf das indogermanische Wort “pent” zurück, welches in etwa “treten” oder “finden” bedeutet. Das könnte zu der früheren Vorstellung passen, dass Finnen lange als wanderndes Volk keine Nahrung anbauten, sondern fanden. Wenn man nach Finnland reist, sollte man das wissen, sonst wundert man sich schnell, warum das Wort Suomi überall zu lesen ist. 

Erster Tag – Kernenergie – Brücken zwischen Insel, Meer und Wald 

Ich durfte das “Ticket nach Helsinki” einlösen und ÖkoProg vertreten. Vier Tage volles Programm rund um Themen der unterschiedlichen, über die Dachorganisation WePlanet verbundenen Vereine.

Den Auftakt machte am 28.08.2025 ein Besuch des Kernkraftwerks Olkiluoto und des ersten Nuklearabfall-Endlagers. Nach drei Stunden Fahrt erreichten wir das Kernkraftwerk am Rande Finnlands, am Meer und dicht an Wald gebaut. Elche, Flughörnchen, Vielfraße, Wölfe und Bären finden Verstecke, während auf verhältnismäßig geringer Fläche ein großer Teil des finnischen Energiebedarfs gedeckt wird. 

Mehere Personen, die alle blaue Helme tragen, laufen bergab durch einen Tunnel.

Und während die meisten Staaten sich weiterhin darüber streiten, wie und wo Nuklearabfall am besten zu lagern sei, hat Finnland gehandelt und direkt neben dem Kernkraftwerk eine über 600 Meter tiefe Anlage gebaut, in der mehrfach gesicherter Atommüll ordentlich gelagert wird. Keine wilden Halden aus gelben Tonnen, die löchrig in feuchten Höhlen verscharrt werden, wie man es aus Deutschland kennt (vgl. Versuchsatomlager Asse). Fast schon enttäuschend langweilig präsentierte sich die Endlagerhalle. Welche aber mit 2,5 Mikrosievert/h eine etwa 50-fach erhöhte Strahlung im Vergleich zur natürlichen Strahlenbelastung aufwies. Das hört sich zwar zunächst kritisch an, ist es aber nicht.

Eine Halle. Ein Metallzaun, an dem ein gelbes Schild mit Warnzeichen für Radioaktivität hängt, hält davon ab eine Fläche zu betreten, die durch viele Quadrate unterteilt ist. Darüber hängt ein Seilzug.

Denn die natürliche Strahlung, der jeder Mensch dauerhaft ausgesetzt ist, liegt bei ca. 0,05 Mikrosievert/h, während ein Flug (10 km Höhe, mittl. Breiten) 4 Mikrosievert/h, also eine 80-fach erhöhte Strahlenbelastung mit sich bringt (vgl. Dachverband für Strahlenschutz e. V.).

Neben einer Fragerunde und Informationsvideos zum Aufbau und Funktion der Reaktoren, wurde außerdem die Möglichkeit zum Besuch der begleitenden Ausstellung geboten.

Erster Tag – Old Rauma – Historische Siedlung

Um neben dem wissenschaftlichen Input auch kulturell etwas mitzunehmen, ging es nach dem Besuch in Olkiluoto nach Rauma, eine der ältesten Städte Finnlands. Old/Vanha Rauma ist ein Stadtteil von Rauma, der mit seinen traditionellen Holzhäusern zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. 

Blick in eine Straße von Old Rauma, Hölzerne Häuser säumen den schmalen Weg.Ein schönes, altes, hölzernes Haus vor blauem Himmel.

Anschließend an die Fahrt zurück ins Hotel wurde der hoteleigene Irish Pub gekapert und auf der Bühne von einigen WePlaneteers Karaoke performed. 

 

Zweiter Tag – Heureka!

Die Autorin des Reiseberichts steht neben einem lebensecht großen Mammut.Erst für den Abend des zweiten Tages war ein weiteres Highlight, der Besuch bei einem ganz besonderen Protein-Start-up, geplant. Bis dahin konnten die WePlanet-Mitglieder, Vertreter aus Staaten wie Australien, Uganda, Bangladesch, Kenia, Norwegen, Deutschland, Österreich, Vereinigtes Königreich, USA, Schweden, Dänemark, Niederlande, Belgien, Portugal…)  die Zeit zum Netzwerken im Heureka Science Center nutzen.

 

 

Eine Apparatur, mit der die verminderte Anziehungskraft auf dem Mond nachempfindbar sein soll.

Neben einer Eiszeit-Ausstellung mit lebensecht großen und sich bewegenden Urzeitbewohnern wie Mammuts, Riesenfaultieren und Säbelzahntigern, gab es jede Menge physikalische Versuche bis hin zu einem “Moonwalk” ein Fahrgestell, das die reduzierte Anziehungskraft des Mondes demonstrieren sollte.

Zweiter Tag – Sonnensnack 

Einem Teil der WePlaneteers war es am Abend vergönnt, ein junges Unternehmen namens “Solar Foods” zu besuchen. Das Unternehmen Solar Foods präsentierte sich, wie man sich ein Start-up vorstellt: große Eingangshalle und eine riesige Leinwand mit eindrucksvollen Bildern. Doch auch das Essen überzeugte.

Die Eingangshalle von Solar Foods. Auf einer großen Leinwand ist eine Wolke aus strahlendem gelb zu sehen. Vor der Leinwand stehen Personen.

Dieses nutzt ein Bakterium der Gattung  Xanthobacterium aus der baltischen See  zur Produktion eines hochwertigen, essbaren Proteinpulvers. Das Xanthobacterium verstoffwechselt atmosphärisches CO2 unter Zugabe von Wasserstoff zu Wasser und unter Einbindung von Ammoniak sowie einiger Mineralien bildet es ein vielseitig einsetzbares Protein, das neben Ballaststoffen alle essenziellen Aminosäuren enthält (allgemeiner wissenschaftlicher Hintergrund und hier ). Betrieben wird die dafür notwendige Elektrolyse sowie die anderen Prozessfaktoren bestenfalls über Solarstrom.

Diese Art der Nahrungsproduktion ganz ohne Photosynthese ist revolutionär, weshalb das Unternehmen nicht nur einen Preis der NASA erhalten hat, sondern auch plant Fabriken in Containergröße zu entwickeln, wodurch bspw. in proteinarmen Regionen das kohlenhydratlastige Essen durch “Solein” ergänzt werden könnte. Denn während Hunger, also ein Mangel an Kalorien, in den letzten Jahrzehnten immer weiter zurückgedrängt wurde, ist sogenannter versteckter Hunger, also eine Unterversorgung mit hochwertigem Protein, Vitaminen und Mineralien, ein wachsendes Problem.

Das Menü von Solar-Foods in einer Abbildung. Oben links: Eine braun-gelbe Masse in einer silbernen Schale. Oben rechts: Eine blaue Schale, in der vier gelbe Ravioli in einem See aus weißer Soße liegen. Unten links: Eine blaue Schale, darin angerichtet eine braun-gelbe Masse, auf die Schnittlauch gestreut wurde. Unten rechts: Eine braun-gelbe Kugel liegt auf einer weißen creme, die sich in einer braunen Schale befindet.

Als Vorspeise gab es mit Solein angereichertes Brot, dazu Solein- Frischkäse und Solein-Suppe. Gefolgt von Solein-Ravioli, mit Solein gefüllt an weißer Tomatensauce und als Dessert Solein-Eiscreme auf Sanddornmousse und Proteinschnee.

Ein einziger Wermutstropfen verblieb: es hätte ein bisschen mehr sein können.

 

Dritter Tag – Reboot Food

Nachdem wir die ersten zwei Nächte in einem Hotel in Helsinki Vantaa verbracht hatten, ging es nun zum nachhaltigsten Hotel Europas: zur Haltia Lake Lodge im Nuuksio-Nationalpark. Direkt am See gelegen waren die Teilnehmenden in Holzhäusern untergebracht. Auch der Vorlesungssaal, der in WePlanet-Lila bestuhlt war, bestand nahezu ausschließlich aus Holz.

Eine "Strandflagge" von WePlanet steht vor einer hölzernen Tür. Über dem Eingang steht "Haltia".

Das vielversprechende Programm begann mit einer Begrüßung durch Lauri Muranen, Mitgründerin von WePlanet Finnland und Karolina Lisslö-Gylfs, Secretary General von WePlanet International. Gefolgt von einem Impulsvortrag von Mark Lynas unter dem Titel “Why do we need Alternative Proteins?”. Mark, der aus England stammt und wohl einer der prominentesten Wissenschafts-Journalisten und Campaigner im Umweltbereich ist, berichtet vom Flächenverbrauch durch Nahrungsmittelproduktion und welchen Beitrag die Biotechnologie leisten kann, um dem Flächenverbrauch entgegenzuwirken, sodass Nutzflächen wieder Lebensraum bieten können. 

 

Fünf Personen sitzen in Front eines Hörsaals.

Auch politische Vertreter hatten es sich nicht nehmen lassen, das Festival zu besuchen, Vorträge zu halten und an Podiumsdiskussionen teilzunehmen.

Abgerundet wurde der Tag durch vegane Mahlzeiten und Zimtschnecken. 

 

Vierter Tag – Workshop

Der letzte Tag, Sonntag der 31.08.2025, war schließlich als interner Workshop geplant, bei dem es um die Motivation und Koordination der Vereinsstruktur ging. Hier präsentierten bekannte Campaigner wie Joel Scott-Halkes, welcher u. a. die britische Bewegung Wild Cards für Bewaldung in Großbritannien ins Leben rief, und Ia Aanstoot aus Schweden (u. a. Dear Greenpeace-Kampagne) ihre Erfahrungen, während Patricia Nanteza und Arif Hossain über die Herausforderungen und Erfolge der WePlanet-Gruppen in Afrika und Bangladesh berichteten. Eine  große aktuelle Kampagne von WePlanet-Africa behandelt den Umstieg von Kohle- auf Gasöfen (Just Stop Cooking), der mit einer Verbesserung der Atemluft und damit der Gesundheit vieler Menschen einhergehen soll. Auch Bangladesch kämpft mit Luftverschmutzung.

Wenn wir in Deutschland oder Europa Maßnahmen beschließen, die internationale Wirkung haben, sollten wir auch darauf achten, welche Auswirkungen das in anderen Staaten haben kann. Besonders die Kampagne  Just Stop Cooking zeigt dies deutlich.

 

WePlanet und ÖkoProg setzen sich dafür ein, die verschiedenen Seiten einer Medaille zu beleuchten und zu versuchen, den besten Weg zu ermitteln. Dafür gehen wir in den Austausch und freuen uns stets über weitere Ideen, Meinungen und Eindrücke. Wenn ihr unsere Blogbeiträge und Unternehmungen gut findet, vielleicht sogar gerne selber Teil davon wärt, unterstützt uns: https://oekoprog.org/unterstuetzen/ oder schließt euch uns an. Wir freuen uns über neue Mitglieder und Austausch über alle Fachgebiete hinweg. Denn je mehr Sichtweisen einfließen, desto mehr können wir lernen und desto besser können wir für Wissenschaftlichkeit und echte Nachhaltigkeit eintreten. 

 

Sophia Müllner

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